Die IG Zietenterrassen Göttingen stellt sich vor.


Als ich im letzten Jahr die Idee hatte, in unserem Wohnheim eine Modellbaugruppe ins Leben zu rufen, war ich mir über die ganz speziellen Hintergründe noch gar nicht im Klaren. Zunächst einmal stand für mich der lang gehegte Wunsch, Menschen dieses faszinierende Hobby näher zu bringen, im Vordergrund. Aber zunächst einmal zu den Hintergründen : das Wohnheim Zietenterrassen mit 45 Plätzen für Menschen mit geistiger Behinderung ist eine Einrichtung der Göttinger Werkstätten gGmbH, die im Rahmen der beruflichen und sozialen Rehabilitation für zur. Zeit. 640 Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung berufliche Bildung und Beschäftigung in verschiedenen Arbeitsfeldern anbietet und im Bereich Wohnen ca. 300 behinderte Menschen in verschiedenen Wohneinrichtungen oder der eigenen Wohnung betreut.

Ich arbeite dort als Gruppenbetreuer und als ich die Idee vortrug, solch eine Freizeitgruppe zu gründen, wurde mir zunächst einmal seitens der Einrichtung volle Unterstützung zuteil. Als ich dann daran ging unseren Bewohnern die Idee zu unterbreiten, um Interessierte zu finden, musste ich mich vor Anfragen erst einmal in Sicherheit bringen und die Anzahl der Teilnehmer auf fünf begrenzen, um überhaupt noch helfend agieren zu können. Kaum einer der Teilnehmer im Alter von 22 bis 45 Jahren hatte jemals etwas mit Modellbau zu tun, allerhöchstens einmal über Verwandte davon gehört oder im Geschäft Bausätze gesehen. Die Vorstellungen vom Hobby waren so auch sehr unterschiedlich. Faktisch war von mir eine Plastikmodellbaugruppe angestrebt mit den handelsüblichen Maßstäben (1:72,1:48 und 1:24) .

Die Vorstellungen der Bewohner kreisten im Vorfeld eher um RC Modelle, Fertigmodelle von Matchbox und Siku und ähnliches. Also gesagt - getan, das Interesse war schon mal geweckt und es galt dieses zu nutzen. So brachte ich aus meiner eigenen Sammlung fertige, halbfertige und ungebaute Bausätze mit zum ersten Vortreffen. Als die Teilnehmer diese zu Gesicht bekamen, zweifelten sie erst einmal vollends daran, selbst so etwas bauen zu können, betrachteten aber die Fairy Swordfish und F16 Falcon in 1:72 sehr fasziniert. Anhand einer halbfertigen FW 190 von Eduard wurde dann der Bau eines Modells im Detail erklärt. Alle Teilnehmer lauschten gebannt den Erläuterungen und waren nach diesem ersten Treffen Feuer und Flamme.

Also stand die Freizeitgruppe somit fest und es konnte losgehen. Mit dem ersten Budget wurden dann alle nötigen Materialien, Verbrauchsmaterial und Farben sowie alles weitere besorgt und vorbereitet. Hier kamen dann die ersten Hindernisse zu Tage, denn wie organisiert man alles? Natürlich war auf dem Papier und im Kopf alles seit langer Hand geplant und durchdacht, aber in der Praxis musste darauf geachtet werden, dass die Werkzeuge und Arbeitsgeräte auch den Anforderungen der Teilnehmer entsprechen. Diese haben zum Teil nicht unerhebliche motorische Einschränkungen und gerade deshalb sollte darauf geachtet werden dass zum Beispiel Cuttermesser nicht zu klein und unstabil sind. Wie erklärt man englische Bauanleitungen am verständlichsten, wenn der Teilnehmer nicht oder nur schlecht lesen kann. Was nimmt man als Arbeitsunterlage? Die Gruppen-Räume unseres Wohnheimes sind 24 Stunden im "Alltagsgebrauch" und die Freizeitgruppe muss sich dahingehend natürlich an die Tagesabläufe halten und sich einfügen. Somit wären Farbflecken und Klebstoffnasen am Esstisch nicht gerade erstrebenswert.

Also wurden Holzplatten durch unsere Werkstatt, in der auch alle Teilnehmer arbeiten ,in den Maßen 35 x 50cm angefertigt. Der erste Einkauf überstieg auch nicht die 100 Euro Marke, denn es wurden nur die wirklich wichtigen Materialien gekauft, ein Hinweis für jeden, der auch eine solche Freizeitgruppe ins Auge fasst. Gesagt - getan, die Gruppe stand erst einmal : Teilnehmer und Material waren da- es konnte losgehen, und dies innerhalb von zwei Wochen.

Um die Motivation zu halten, beschloss ich, dass sich die Teilnehmer ihr erstes Modell selbst aussuchen konnten: Einige Leser werden nun wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fragen, wie man auf diese Idee kommen kann, warum nicht die üblichen Einsteigermodelle? Diesen Punkt hatte ich sehr wohl bedacht und in Kauf genommen. Somit war der Basteltisch sehr gemischt ausgestattet. Eine SR71 Blackbird von Academy in 1:72, zwei Sopwitch Camel vom selben Hersteller im selben Maßstab und ein Ferrari 348 TS in 1:24 von Revell sowie der Rheindampfer Göthe, auch von Revell.

Nach einiger Zeit der Gewöhnung mit dem Werkzeug und den Bausätzen ging es dann los. Nach dem Startschuss wusste ich nicht, wo ich zuerst sein sollte. Bastelwut und Unsicherheit waren bunt gemischt bei den Teilnehmern. Aber schon nach kurzer Zeit, beim dritten Treffen unserer wöchentlich stattfindenden Modellbaugruppe lief alles wesentlich entspannter als noch zu Beginn. Die Teilnehmer konnten sich recht gut anhand der Bauanleitungen orientieren und mit Klebstoff und Cuttermesser gut umgehen. Natürlich wurde so manches Teil aus Versehen mit einer Glasur aus Klebstoff überzogen oder das Cuttermesser schnitt das ab, was nicht ab sollte. Aber das ließ keinen resignieren und es ging munter weiter. Mit der Zeit bemerkte ich, dass auch Fragen zu den Hintergründen der Modelle aufkamen, die ich genau und detailliert zu beantworten hatte, oder lange Zeit offene Fragen wie etwa "Wo sitzt eigentlich beim Ferrari der Motor?" Jeder bezog sich auf sein persönliches Modell und steckte viel Eifer und Kraft in den Bau, der kein Zeitlimit hatte, jeder Teilnehmer sollte sich die Zeit nehmen, die er dafür brauchte.

Basteltechnisch kann ich nur sagen, dass auch Bausätze wie die SR71 von Academy in 1:72 gar nicht so schlecht zu bauen sind und aufgrund des Anstrichs in komplett schwarz am Ende sogar noch etwas hermachen, da dieser mittels Sprühlack aufgebracht wurde. Allenfalls im Bereich der Cockpit- Verglasung war Unterstützung angesagt, um Klebereste darauf zu vermeiden. Aber selbst Passgenauigkeit und Detailierung waren in einer Preisklasse von 12 Euro wahrlich nicht schlecht. Allerdings gab es mit der kleinen und unscheinbaren 1:72 Camel von Academy umso mehr Sorgen, denn die kleinen Teile aus recht ungenau gefertigtem weichen Plastik sind keine Freude für Anfänger. Aber auch dieser Bausatz konnte doch noch zu einem guten Endprodukt zusammengesetzt werden. Der Ferrari 348 TS kann nur empfohlen werden, sehr gute Passgenauigkeit und Fertigung waren eine wahre Bastelfreude. Außerdem kann bei diesem Bausatz auch mit Sprühlack aus dem Baumarkt ein ordentliches Ergebnis erzielt werden, was auch dem Blick eines geübten Auges stand hält.

Mit der Zeit entwickelte sich bei allen Teilnehmern das Hobby weiter und inzwischen sind Begriffe wie "entgraten", "versenkte Gravur" oder "heiß ziehen" allgemeiner Umgangston geworden. Es folgte eine allgemeine Auseinadersetzung mit dem Modellvorbild, was ich sehr begrüßte. Aber auch feinmotorisch und im Bereich Ausdauer und Konzentration wurden erhebliche Fortschritte erzielt, die sich bemerkbar machen. Zu Beginn bastelten wir, um nicht zu überfordern, 45 Minuten.

Inzwischen sind auch Zeiträume von fast 2 Stunden mit ein bis zwei kleinen Pausen für niemanden ein Problem mehr. Aber auch Lustiges ereignete sich in der bisherigen Zeit. Ein Kollege kaufte für einen der Teilnehmer ein Weihnachtsgeschenk und fragte noch vorher ob es denn, passend zur Modellbaugruppe, auch ein Modellbausatz sein könne. Ich nickte erfreut und war über die Idee sehr erfreut. Als ich dann freudestrahlend das Modell präsentiert bekam vom Beschenkten, musste ich doch etwas schlucken, denn es war der Sinalco Show Truck von Revell in 1:24! Gefühlte Hunderte und aberhunderte Teile sowie eine vielseitige Bauanleitung lagen vor uns und das als drittes Modell!

Nichts desto trotz und entgegen allen Befürchtungen ging der Bau langsam aber stetig voran und ich muss sagen, dass, mit etwas Unterstützung, die Zugmaschine sehr ansehnlich geworden ist. Das besondere am Bau des Trucks war dann eine gewagte Umlackierung zu einem Playboy Show Truck, da der Teilnehmer dies ansehnlicher fand als die gelbe Lackierung. Der weitere Bau des Truck-Anhängers steht bislang noch aus, da erst einmal andere, kleinere Projekte im Vordergrund stehen. Unter anderem eine Mig 31 Foxbat von Revell in 1:72 waren sehr schöne Projekte, die bautechnisch und optisch viel hermachen auf jedem Regal. Der Bau der Foxbat war nicht unbedingt einfach, stellt aber eine ideale Zwischenlösung zwischen bewährt Erlerntem und einer neuen Herausforderung dar, die aber mit etwas Hilfe gemeistert werden kann.

Dies zeigt mir unumstößlich, dass jeder, der Motivation und Freude mitbringt, ohne Probleme und ohne Vorkenntnis in das Hobby einsteigen kann, gleich welche Voraussetzungen er mitbringt. Bausatztechnisch kann ich nur sagen, dass bisher keine "Kartonleichen" entstanden sind, gleich welcher Hersteller, Maßstab, Schwierigkeitsgrad oder Art des Modells. Alle Teilnehmer sehen sich berechtigterweise als Modellbauer und es sind in der nächsten Zeit auch Besuche auf Messen und Ausstellungen geplant ,ein Modell unseres Wohnheimes im HO Maßstab mit allem was dazugehört ,sowie eine kleine Ausstellung der Gruppe.

Marcel Ahler, IG Zietenterrassen